Challenge
18 Milliarden zusätzlich für die Wissenschaft bedeuten eine tolle Langfristinvestition für Deutschland. Aber wird dieses Geld im Hinblick auf die Zukunftssicherung auch optimal verteilt? Oder wird durch die ausschließliche Förderung etablierter Institutionen eher der Trend verstetigt, dass die Innovationsfähigkeit in Deutschland hervorragend ist, aber kaum in Innovationen resultiert? Innovative Entwicklungen entstehen in vielen Fällen erst in neuen Institutionen, Verbünden und Ressourcenpartnerschaften. Eine Innovationsdynamik erfordert auch eine institutionelle Dynamik, eine Dynamik im Diskurs und in der Herangehensweise. Hier sehe ich Nachbesserungsbedarf; hier fordere ich Mut und Unterstützung für Neue Wege!
Storyline
Am 4. Juni ist das Kabinett der Empfehlung der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz gefolgt und hat für die nächsten zehn Jahre 18 Milliarden EUR an zusätzlichen Mitteln zur Stärkung des Wissenschafts- und Forschungsstandorts Deutschland „bewilligt“ (http://www.bmbf.de/de/13683.php)
Nein, hier geht es nicht um die Frage, ob der Zehn-Jahres-Horizont ein sinnvolles Zeitmaß für die Aufsummierung der Mittel darstellt oder nur gewählt wurde, damit der Betrag im Vergleich zu Maßnahmen der Rettung von Banken und Unternehmen nicht zu mickrig ausfällt. Und es geht auch nicht darum, herauszuarbeiten, dass teilweise „nur“ existierende Programme verlängert wurden. Ganz klar: Die Zukunftssicherung braucht lange Planungshorizonte, die Förderung von Bildung, Wissenschaft und Forschung ist ein gutes Mittel zur Zukunftssicherung, das Geld ist also prinzipiell hervorragend investiert!
Aber: Welche Konsequenzen hat dies für die Innovationstätigkeit in Deutschland? In der schrecklichen Inflation des Verweises auf die Allzweckwaffe Innovation wird eine Investition in Bildung, Wissenschaft und Forschung oft einfach gleichgesetzt mit Innovationsförderung. Schauen wir einmal genauer hin:
Ein Teil des Geldes geht in die Förderung von Studienplätzen. Wenn dies nicht durch eine grassierende Verschulung des Studiums kompensiert wird, erhöht dies mittelfristig die Anzahl der Menschen, die gut über ihr Tun reflektieren, Innovationsprojekte anstoßen und organisieren und Technologieentwicklungen voranbringen können; somit also das Potenzial für die Durchführung von Innovationsvorhaben.
Ein zweiter Teil des Geldes geht in die Verstetigung der Exzellenzinitiative. Hier bin ich skeptisch: Exzellenz kann per se nicht inflationär sein; viele Kräfte an vielen Universitäten wurden bereits gebunden, um Anträge vorzubereiten und Lobbyarbeit zu leisten. Völlig neuartige Ansätze haben trotzdem kaum eine Chance; erst recht nicht solche von neuen Playern: Man will und muss den Experten und Gutachtern gefallen; diese einen Konsens finden. Beides ist toll zur Qualitätsverbesserung dessen, was ist, nicht so toll zum Aufbau von Etwas, das noch nie war!
Ein dritter Teil des Geldes geht in den stetigen Budgetanstieg vorhandener Wissenschaftsinstitutionen; fünf Prozent pro Jahr für die Fraunhofers, Max Plancks usw. Das ist zwar schön für diese und Beleg für ihre gute Lobbyarbeit, bedeutet aber irgendwie auch nichts weiter als „noch mehr von demselben“. Mehr Wissenschaft, mehr Forschung, mehr Technologie. Und damit auch mehr Potenzial für Innovationen; solche Innovationen, die aus Wissenschaft, Forschung und Technologie resultieren.
Tief im Inneren seufze ich, dafür laut. Nach der Idee der Holistischen Innovation sollten Innovationen von Zukunftsvisionen, von der systemischen Exploration von Innovationsfeldern, von der Realisierung sozialer, ökologischer und/oder ökonomischer Zielsetzungen ausgehen. Für all dies wird zwar das Potenzial gestärkt, nicht aber die Impulsgebung, die Institutionen übergreifende Netzwerkbildung, die Ressourcen für systematische Arbeit an den Phasen VOR der technologischen Entwicklung und wissenschaftlichen Evaluation. Hierfür müssten neue Ansätze, Denkweisen und Methodologien gefördert werden, und natürlich auch neue Verbünde und neue Institutionen. All dies soll die hervorragende Basis in Deutschland ergänzen und dafür sorgen, dass Innovationen effektiver und vor allem zielgerichteter entwickelt werden können. Leider, leider sieht dieser Zukunftsplan hierzu keine Mittel vor.
Suggestions
Zukunftssicherung in Deutschland sollte nicht nur eine Stärkung der Innovationsfähigkeit bedeuten, sondern auch der Innovationen selbst. Statt „nur“ Exzellenz zu fördern, und dadurch auch irgendwie zu entwerten, sollten auch experimentelle Projekte zu zukünftigen Bildungsmethoden, -inhalten und -strukturen gefördert werden. Statt nur etablierte Institutionen zu fördern, und dadurch meist auch Methoden und Denkweisen zu verstetigen, sollten auch neue Netzwerke und Institutionen, innovative Projektpartnerschaften und Dialogansätze, kreative Formen der Ressourcennutzung und visionäre Pilotvorhaben jenseits etablierter Denkmuster gefördert werden.
Questions
- Wie kann man den Widerspruch zwischen der Förderung von Expertentum, bewertet und beworben durch Experten, und der Förderung gänzlich neuer Ansätze auflösen? Wie kann man beide Ansätze optimal ergänzen?
- Wie kann man neue innovative Institutionen, Verbünde und Projekte zur Förderung auswählen, ohne auf der einen Seite doch wieder auf das Establishment zurückzugreifen und auf der anderen Seite auch nicht wahllos jeden Unsinn zu fördern?
- Wie kann man in Deutschland eine Innovationskultur und Innovationsdynamik fördern, die auch nicht technisch-dominierte und nicht unmittelbar marktgetriebene Innovationen zulässt?

