Prof. Dr. Eckehard Fozzy Moritz
Challenge:
Die Krise als Chance… selten wurde ein Spruch mehr missbraucht. Denn um eine Chance zu sein, muss man in der Krise etwas ändern – und nicht durchhalten, schnell die Probleme auf Alle verteilen und dann weiterwursteln bis zum nächsten absehbaren Chaos – wie derzeit leider zu beobachten. Mein Plädoyer daher: Stützt Innovatoren; lasst sie aber nicht nur Produkte und Serviceangebote entwickeln, sondern auch Vorschläge für ein nachhaltigeres Wirtschafts- und Finanzsystem!
Storyline:
Nein, wir Deutschen sind nicht die einzigen, die den Kopf in den Sand stecken und warten, bis alles vorbei ist. Die OECD bemängelt bei nahezu allen Staaten den Rückgang von Investitionen in Innovation in Krisenzeiten – und fordert, auch langfristiges Denken in kurzfristige Konjunkturprogramme einzubetten, „um die Glaubwürdigkeit für die Staatsanleihen zu erhöhen und eine bessere Neuausrichtung und dadurch eine nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu ermöglichen.“ (http://www.oecd.org/dataoecd/59/45/42983414.pdf).
Letztendlich ist es unser großes Glück, dass die Vogel Strauß Mentalität weltweit vorzuherrschen scheint. Denn jeder Erstsemester in BWL lernt, dass man gerade in Zeiten der Krise in Innovationen investieren sollte. Nur – wenn keiner das tut, geht alles mehr oder weniger so weiter wie bisher. Globales Nichtstun als Chance, mit Pomadigkeit durchzukommen…
Schauen wir uns an, was passiert (ist):
- Größenwahnsinnige und unverantwortliche globale Zockerei einiger Banker, der sich die Wiedekings und Schaefflers dieser Welt beherzt anschlossen, verursachte eine Krise in der Finanz- und dann auch in der realen Wirtschaft (allein diese oft genannte Trennung zeigt schon den Unfug des Gesamtsystems).
- Dieses System wird gerettet, in einem einmaligen Kraftakt die Probleme sozialisiert, das heißt, auf uns alle und die Folgegenerationen verteilt. An Geld soll es nicht scheitern…
- Der Staat nimmt also Kredite auf – und die, die das Schlamassel ausgelöst haben, verdienen an der Kreditvergabe. Und die Investmentbanker „machen schon wieder 4000 EUR Flaschen Wein auf“, wie die Süddeutsche letzte Woche berichtete. Aber die Banken „müssen“ sich noch weiter sanieren und geben das Geld erst einmal nicht weiter.
- Die Unternehmen machen weniger Umsatz und Kurzarbeit; die Anleger wollen endlich wieder Gewinn und setzen die Unternehmen unter Druck. „Jedes Quartal wollen die jetzt schwarze Zahlen; überall wird kosmetisch behandelt…“ jammert einer unserer Kunden. Ein anderer: „Ich brauche jetzt zwei Unterschriften vom Konzernvorstand, um einen Auftrag zu vergeben.“ Allein dieser bürokratische Akt kostet vermutlich mehr als das ganze Projekt.
- Innovationsvorhaben werden daher von vielen auf Eis gelegt: „Vor nächstem Jahr geht da gar nichts…“ so der Tenor vieler unserer Partner.
Aus Unternehmersicht scheint klar: Sicherheit geht vor; eher werden Arbeitskräfte erhalten als Abenteuer der Innovation gewagt. Und man kann ihnen auch nicht vorwerfen, im Rahmen der Bedingungen des Finanzsystems zu agieren, dem sie doch ausgeliefert sind. Und dennoch: Die Sicherheit ist trügerisch. Denn sie geht davon aus, dass nach der Krise alles so funktioniert wie vorher – ähnliche Produkte, ähnliche Kaufinteressen, ähnliche Systemstrukturen. Dass dies jedoch so sein wird, ist unwahrscheinlich: In Kern-Zukunftsfeldern wie Mobilität und Gesundheit vollziehen sich rasante Veränderungen; neue Technologien und  Materialien ermöglichen völlig neuartige Produkt- und Systemansätze – all das wird sicher zu neuen Produkten und zu neuen Strukturen führen. Wer daher jetzt auf das Gestern setzt, wird morgen mit einem gehörigen Kater aufwachen. Was also tun?
Suggestions:
Der zentrale aber auch einigermaßen „abgefahrene“ Vorschlag ist der, Innovatoren nicht nur auf Innovationen in Produkt, Technologie, Service etc. anzusetzen, sondern diese auch Konzepte für ein zukunftsorientiertes und nachhaltig erfreuliches Wirtschafts- und Finanzsystem entwickeln zu lassen. Man dürfte gespannt auf die Ergebnisse sein – und hätte bei guter Moderation endlich auch fundierte Vorschläge, die nicht in den Hinterzimmern von Davos oder Parteizentralen einseitig interessensgeleitet entstehen. Aber ich kann auch konkreter:
- Unternehmen sollten jetzt die nicht ausgelasteten Arbeitskräfte dafür einsetzen, an Innovationspotenzialen im Hinblick auf Zukunftsthemen zu arbeiten. Neben den konkreten Impulsen stellt sich dadurch die gesamte Firma auf für die Herausforderungen von morgen ein; durch verbesserte Qualifikation, Methoden, Strukturen und viele positive Effekte mehr.
- Die Politik sollte bei Kurzarbeit nicht nur Weiterbildung fordern und fördern, sondern mindestens genauso stark auch die Mitarbeit an Innovationsvorhaben.
- Ebenso sollte die Politik bei der staatlichen Förderung von Arbeitsplätzen nicht auf den Erhalt überkommener Strukturen bis zur nächsten Wahl setzen, sondern neue zukunftsorientierte Arbeitsplätze und den Wechsel dorthin fördern. Auch wer 20 Jahre bei Quelle gearbeitet hat, sollte heute eher zu Google gehen als den Leichnam noch eine Zeit konservieren helfen (schlimm genug, dass mir bei „Zukunft“ kein deutsches Unternehmen einfällt…)
- Die Banken sollten zumindest etwas Einsicht und Demut zeigen und uns nicht gleich mit mehr von Demselben ins nächste Schlammassel stürzen. Eine Möglichkeit hierzu wäre die Einrichtung eines Innovationsfonds, der für zwei Jahre aus nicht ausbezahlten Boni aufgebaut wird. Es kann doch nicht angehen, dass die Gier angesichts der verheerenden Konsequenzen nicht zumindest eine Zeitlang ausgesetzt werden kann – auch wenn es die Weltgemeinschaft nicht schafft, sich auf entsprechende Regeln zu einigen und diese zu implementieren.
Questions:
- Die Erarbeitung von Innovationspotenzialen in „Querschnitts“-Zukunftsthemen wird als Richtungsimpuls immer wichtiger, lässt sich aber kaum in etablierten Unternehmen und Strukturen verankern. Wer also kann diese am besten anstoßen, wer finanzieren, wer moderieren und wer mitarbeiten?
- Wie kann eine Lobby für kleine zukunftsträchtige innovative Unternehmen aufgebaut werden, die mit den Lobbys der Großen und Etablierten, der Reichen und Schönen, auf Augenhöhe mithalten kann?

