Prof. Dr. Eckehard Fozzy Moritz
Challenge:
Gelangweiltes Dahintreten in Fitnessstudios mag das Gewissen beruhigen oder Aktivität demonstrieren; es bringt jedoch denen, die das so machen, so gut wie nichts – und schreckt andere von körperlicher Aktivität ab. Dabei bieten Sport und Bewegung alle Möglichkeiten, Freude mit Gesundheits- und Schönheitswirkung zu verbinden; man muss nur auch zeitgemäße Angebote entwickeln und Lifestyle-PR entsprechend gestalten.
Storyline:
Cuernavaca, Mexico; im Museum. Ein großes Mühlrad erweckt meine Neugier – und kein Wunder: Es ist gar kein Mühlrad, sondern eine endlose Trittleiter, ähnlich wie ein Hamsterrad, nur dass hier Sklaven treten, um Wasser zu fördern, Getreide zu mahlen… Ich weiß es schon gar nicht mehr genau. Es sieht martialisch aus.
Zunächst denke ich: Was für eine Schweinerei, Ausbeutung… was man halt so über die Sklaverei denkt. Doch plötzlich sehe ich vor meinem geistigen Auge die Reihe von Stairmaster-Fitnessgeräten in meinem Fitnessstudio. Darauf teilweise unförmige Gestalten mit einem miesepetrigen Gesichtsausdruck, wobei Nutzungsart und -intensität nicht dazu geeignet scheinen, irgendetwas an beiden Sachverhalten zu ändern.
Wofür treten sie (r)ein? Bewegungsfreude ist es offenbar nicht, und weder stark noch schön wird man, so lange sich die Bewegung nur bei genügend langer Betrachtungszeit vom Stehen unterscheidet. Aber etwas treibt, und es ist wohl entweder das Gefühl, etwas zu tun, oder die Möglichkeit, zu behaupten oder zu zeigen, dass man etwas tut. Nur: Warum tut man/frau überhaupt? Wenn es tatsächlich extrinsische „Zwänge“ sind, wegen derer hier hydraulikbetriebene Treppenstufensurrogate auf und ab bewegt werden – vielleicht noch von Modezaren gefordert und von Klatschreportern in selbsternannten Wohlfühlzeitungen kolportiert – ist der Unterschied zur Sklaverei fast nur noch der, dass man im Fitnessstudio noch dafür bezahlt…
Okay, das war Ketzerei. Dabei soll der Blog doch Perspektiven zu Innovation bringen. Doch die sind gar nicht so weit weg wie man meinen mag. Denn mein leidenschaftliches Plädoyer ist, dass Bewegung auch Freude machen kann, und machen sollte. Den „Sportlern“ sollte klar sein, dass das teilnahmslose und regungsarme Abspulen eines Programmes – weil man meint, das müsste so sein – sicher nicht die erhoffte oder suggerierte Wirkung erzielt. Das heißt nicht, dass sie nichts machen sollten, im Gegenteil. Sie sollten sich nur Formen von Bewegung und Sport aussuchen, die Freude und Begeisterung wecken; zur nachhaltigen Nutzung motivieren und Intensität fast nebenbei erzeugen. Und die Innovatoren sollten gefälligst auch solche Angebote entwickeln. Wie und was, beschreibe ich im nächsten Abschnitt.
Suggestions:
Folgende Anregungen möchte ich gerne ins Gebetbuch von Innovatoren im Bereich Sport und, noch wichtiger, Prävention und Rehabilitation schreiben:
- Auch wenn ich mich wiederhole: Geräte und sonstige Angebote, die nicht genutzt werden, nutzen nichts. Je weiter man von Krankheitsbekämpfung weg geht in Richtung primärer Prävention, Lifestyle und Sport, desto wichtiger wird dieses Argument: Innovatoren müssen daher hier zuerst von Bewegungsmotivation, Bewegungsfreude und Lebensweltintegration ausgehen, und dann erst die Gesundheitsbeiträge optimieren.
- Bewegungsangebote zur Förderung von Gesundheit und Schönheit konkurrieren permanent mit anderen Attraktionen des Lebens; Fernsehen, Computerspielen, Kneipe, Drogen, Handynutzung. Und selbst wenn Liegestützen, Klimmzüge und Kniebeugen eigentlich ein prima Präventionsprogramm darstellen, sind sie immer weniger konkurrenzfähig in diesem Wettbewerb… Innovatoren müssen sich daher immer Neues dem Zeitgeist angepasstes einfallen lassen, um Menschen zu Bewegung zu motivieren.
- Es ist bezeichnend, aber nicht befriedigend, dass Innovationen hier von völlig „sektorfremden“ Unternehmen entwickelt werden; noch dazu mit großem Erfolg. Die Nintendo Wii soll hier als viel zitiertes Beispiel genügen. Ich möchte daher dringend anregen und anraten, dass Hersteller von Präventions- und Rehabilitationsgeräten aus dieser Lektion lernen und Aspekte der Motivation und Freude in ihre Entwicklungsanstrengungen integrieren. Sie könnten sonst sang- und klanglos vom Markt verschwinden.
Questions:
- In Fitnessstudios beobachte ich immer öfter, dass viele auch bei gutem Gesundheitszustand mit geringst möglichen Gewichten trainieren. Ein Studio mag im Hinblick auf Verletzungsrisiko auf Nummer sicher gehen wollen, körperliche Anstrengung beim Sport immer weniger attraktiv erscheinen – doch ein solches „Training“ bringt nichts. Was kann man tun, damit Menschen ab und zu auch wieder an ihre körperlichen Grenzen gehen – und dabei vielleicht sogar Spaß erleben, auf jeden Fall aber effektiv Gesundheit und Aussehen fördern?
- Welche Hilfestellungen (außer natürlich unserer Innovationsmethodik http://www.springerlink.com/content/h87xt844l96x4825/ ) kann man Innovatoren im Bereich Prävention und Rehabilitation geben, um Produkte und Serviceangebote im Hinblick auf Nutzungsmotivation und Lebensweltintegration zu entwickeln und zu verbessern?

