Prof. Dr. Eckehard Fozzy Moritz
Challenge:
Gehen heute selbst in der idealistischen Welt der erklärte gute Wille und die charismatisch vorgebrachte gute Idee vor der vollbrachten guten Tat? Für Innovatoren wäre diese Entwicklung dramatisch und demotivierend. Und überhaupt: Warum gibt es eigentlich keinen Nobelpreis für Innovation?
Storyline:
Wenn man gerade in Oslo ist, fühlt sich alles noch viel näher und deshalb viel unglaublicher an. Ja, nach allem was ich weiß und erzählt bekomme schätze ich Barack Obama sehr. Eine Erlösung von George W. Bush – mittlerweile mag man ja schon gar nicht mehr wahrhaben, dass es diese acht Jahre wirklich gab. Ich fühlte sogar ein wenig Hoffnung zurückkehren, dass Glaubwürdigkeit, Authentizität, vielleicht sogar Benevolenz in der Politik tatsächlich (noch) möglich sind. Auch in Deutschland könnten wir sicher mehr davon gebrauchen.
Doch nun das! Der Friedensnobelpreis, vielleicht die höchste Auszeichnung der Welt für ideelles Handeln, wird für Charisma vergeben. Und das ohne Not: Obama wird noch bis mindestens Anfang 2013 der mächtigste Mann der Welt sein. Er hätte noch genug Zeit gehabt, sich eine solche Auszeichnung tatsächlich zu verdienen. So aber fühlt es sich an wie ein Schlag ins Gesicht für all jene, die mit ihrer Energie und Initiative, oft unter hohem persönlichen Risiko und gegen das gesamte Establishment, im Großen wie im Kleinen Großartiges zur Förderung von Frieden und Freiheit geleistet und erreicht haben.
Innovatoren können über diese Entwicklung nicht glücklich sein. Schon heute steht die Zahl derer, die über Innovation reden, mit der Zahl der wenigen, die Innovation tatsächlich „machen“, in einem krassen Missverhältnis. Und wenn jetzt selbst anerkannte überparteilich ideell angesiedelte Gremien wie das Nobelpreiskomitee begnadete Redner statt begnadigter Täter auszeichnen; woher kann man dann noch die Motivation ziehen, die Welt zu verändern?
Suggestion:
Laut dem Testament Nobels soll der Nobelpreis an diejenigen Personen ausgeteilt werden, die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben. Eine Frage darf, ja muss erlaubt sein: Wo bleiben hier die Innovatoren? Denn diese sind es doch, die nicht nur forschen und reden, sondern Visionen entwickeln und diese umsetzen; mithin direkter als irgendwer sonst der Menschheit Nutzen bringen.
Ich fordere daher auch einen Nobelpreis für Innovation; im Geiste des Testaments von Nobel, aber abweichend von der heute etwas überholten Fokussierung auf die disziplinäre Fokussierung des damaligen Zeitgeistes. Und dabei ist mit Innovation ausdrücklich nicht eine technische Erfindung oder Entwicklung gemeint, sondern ein Produkt, ein Angebot, eine Aktivität oder sonstiges, das tatsächlich und primär neuen Nutzen für die Menschheit stiftet.
Große Innovationen werden zu einem hohen Anteil durch idealistische Enthusiasten auf den Weg gebracht. Menschen, die oft jenseits von Arbeitsbeschreibung und momentaner Anerkennung, und erst recht nicht mit adäquater Vergütung, großartige Lösungen für die Menschen entwickelt und verbreitet haben. Für diese gibt es bisher keine Auszeichnung; typische Innovatoren würden auch nicht unbedingt dafür und deswegen arbeiten. Aber ein Nobelpreis für Innovation wäre ein öffentlichkeitswirksame Förderung der Idee, dass es das sehr wohl Wert ist, durch hohen persönlichen Einsatz innovative Lösungen zum Nutzen der Menschheit zu entwickeln und zu etablieren. Nachahmer können und sollten ermutigt werden!
Questions:
- Wer wären würdige Preisträger für einen Nobelpreis für Innovation?
- Wie könnte man Kategorien und Auswahlkriterien so festlegen, das tatsächlich diejenigen Personen oder Gruppen ausgezeichnet werden, die Innovationen mit einem hohen Nutzwert für die Menschheit entwickelt und etabliert haben?


#1 von Christian Henneke am 16. Oktober 2009 - 09:53
Folgender Artikel von Daniel Haas auf Spiegel Online passt sehr gut als Antwort hierzu:
Mit Obama die Heidi rumkriegen
Erst die Arbeit, dann die Anerkennung. So kommen wir nicht weiter. Viel motivierender ist: erst die Auszeichnung, zum Beispiel einen Nobelpreis, dann der Einsatz. Plädoyer für die Vorabförderung in allen Lebensbereichen.
Barack Obama hat den Friedensnobelpreis gekriegt, das finde ich gut. Das gibt mir Hoffnung. Gerade die Kritik, die jetzt laut wird, macht mich zuversichtlich. Die Leute sagen: Der hat doch noch gar nix Richtiges gemacht für den Weltfrieden. Der redet doch nur und sieht gut aus dabei.
Obama selbst sagt: “Ich nehme den Preis als Ansporn.” Das heißt übersetzt: Ich streck mich jetzt mal nach der Decke, politisch gesehen. Ich mach die Sache klar in Afghanistan und Iran, und der Nahe Osten, da muss natürlich auch Frieden rein. Und dann zu Hause, Innenpolitik, Mannomann, friedlich sieht anders aus. Aber mit diesem Preis weiß ich, wo’s langgeht.
Ich finde, das ist ein gutes Konzept: Man kriegt Preise, bevor man die Leistung erbracht hat. Herta Müller zum Beispiel: Schreibt seit Ewigkeiten über Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen, also richtig krasse Themen, aber weiß sie, was dabei rumkommt? Außer einer Lesung in Brackwede oder Duisburg? Nein. Sie macht sich total viel Mühe, ins Blaue hinein.
Jetzt hat sie den Literaturnobelpreis gekriegt, aber mal ehrlich: So richtig entspannen konnte die nicht in den letzten Jahren. Wäre es da nicht besser gewesen, man hätte das Obama-Prinzip angewandt und gesagt: So, hier ist eine Million, und jetzt erst mal ein bisschen relaxen und dann mit frischer Kraft ans Werk!
Mehr Lorbeer
Noch wichtiger wäre es, dass Leute wie ich den Nobelpreis bekommen. Ich habe auch ein Buch geschrieben, hatte aber kaum Energie. Ich muss schließlich arbeiten, Fulltimejob, das reicht fürs Kreativsein vorne und hinten nicht. Ich werde außerdem oft krank, da bleibt am Ende nicht viel Zeit. Dass Sie sich jetzt kein falsches Bild machen: Sieben, acht Tage richtiger Arbeit stecken schon drin in meinem Buch.
Wenn ich den Preis doch nur vorher bekommen hätte! Gar nicht auszumalen, was ich hätte leisten können. Womöglich ein richtig exzellentes Buch hätte ich zustande gebracht, mit einer konsistenten Story und so. Der Preis wäre also auch eine Qualitätssteigerungsmaßnahme gewesen.
Und weil ich durch die Ehrung schon von vornherein berühmt geworden wäre, hätte auch der Verlag weniger Risiko gehabt: Das Buch hätte sich ja hunderttausendfach verkauft, allein wegen des Stickers “Nobelpreis!”.
Eigentlich sollte man dieses Konzept ausdehnen. Erst die Auszeichnung, dann die Mühe. Das wird der menschlichen Psyche auch viel eher gerecht. Wenn ich zum Beispiel eine tolle Frau treffe und mich dann wochenlang abstrampeln muss mit dem ganzen Dating-Schnickschnack (Stretchlimo, Learjet, Champagnerbad), es am Ende aber heißt, “Ich bleib beim Gerald” oder “Du riechst”, dann ist die Gefahr riesig, dass ich gemein werde, zu den Frauen vor allem.
Sei’s Klum
Wenn aber zum Beispiel Heidi Klum sagt, na gut, mach mal, dann ist das total motivierend. Dann bin ich dankbar und entspannt und denke mir, wie kann ich nun was zurückgeben, quasi Frauenförderung, Feminismus, in der Richtung. Dann wird die Welt ein bisschen besser. Insofern könnten Models einen viel größeren Einfluss auf die Gesellschaft haben als bisher.
#2 von BS-Nord am 27. Oktober 2009 - 15:33
Man stelle sich vor: Da kommt einer daher und behauptet “Yes, we can…!” Alle Welt jubelt: Genau, wir können’s (und in Klammern: “wenn wir es nur wollen!” Haha: grandiose Selbsttäuschung!). Dann hinein in die Hype … Mann muß nur noch in Kameras lächeln und keinen offensichtlichen Blödsinn reden (zumindest keinen auf den “ersten Blick” offensichtlichen Blödsinn), dann wird man sehr schnell zum Erlöser stilisiert… Um den Fall Obamas abzuschliessen: Wahrscheinlich ist es eine reine Vorsichtsmaßnahme, ihm den Preis jetzt zu geben, denn jetzt hat er noch nicht viel gemacht – also auch nicht viel Verkehrtes. Nach drei oder mehr Regierungsjahren hat er womöglich in den Augen des Nobelkommitees so viel falsch gemacht, dass er nicht mehr preiswürdig ist….
Nobelpreis für Innovation? Oder doch für Innovatoren? Letzteres könnte ich mir, ohne meine Phantasie besonders bemühen zu müssen, vorstellen – sogar als einen weiteren Preis im Nobelkanon. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit würden da wohl “Techniker” ausgezeichnet, die in irgend einer Weise zu unserem modernen Leben beigetragen haben. Peers schlagen sich wechselseitig vor… so bleibt man schön unter seinesgleichen und vor allen Dingen: so gibt es immer einen (oder auch mehrere) “Helden” der Innovation, den (oder die) man feiern kann, denn das Spiel dient ja auch dazu Beziehungen, Verbindlichkeiten, Erwartungen herzustellen… Und wenn in „innovationsarmen“ Zeiten die Macher knapp werden, dann kürt man eben Menschen, von denen man erwartet, dass sie in Zukunft einen Durchbruch „erleiden“ (sorry, mußte sein), am Ende verfällt man sogar auf den einen oder anderen Innovationsforscher als Preisträger…
Wenn wir uns also auf einen alternativen Alternativnobelpreis für Innovation einigten, stehen wir vor der Frage, nach welchen Kriterien die Auswahl vorzunehmen ist? Gängige Innovationserfolgskriterien (Marktperformanz) scheiden sicherlich aus. Auch die Fixierung auf einen kurzen Zeitraum ist für gesellschaftliche und kulturelle Innovationen unangemessen. Wer besetzt schließlich das Auswahlkommitee? Wenn wir also auf den Gedanken verfielen, die Demokratie sei eine politische, gesellschaftliche Innovation, die mit dem Innovationsnobelpreis geehrt werden soll, wem spricht man dann den Geldpreis zu? Athen? Der UNO? Es wäre wahrscheinlich besser keinen Geldpreis zu stiften, sondern andere Formen der Gratifikation zu etablieren. Etwa Unterstützung bei der Durchsetzung der Innovation im größeren (globalen) Maßstab ….