Prof. Dr. Eckehard Fozzy Moritz
Challenge:
Dauerkommunikation über Email, Handy, Twitter und Facebook prägt heute den Alltag. Für Innovationsarbeit hat dies jedoch eine ganze Reihe von negativen Konsequenzen, die kaum in der Diskussion stehen und deshalb von vielen kaum wahrgenommen werden. Innovatoren sollten sich dieser Probleme bewusst sein und „Mobilmachen“ gegen die Dauerokkupation der Herz-, Hirn- und Sinneskapazitäten.
Storyline:
Immerhin nervt das Nokia-Einheitsgebimmel nicht mehr – wenn man es in einem Workshop gerade geschafft hat, dass die Teilnehmer nachdenken. Jetzt massiert der Kommunikationsvibrator schön unauffällig die Körperteile, über denen er sich gerade befindet. Nun ja: Eigentlich ist das nur zum Teil ein Fortschritt. Denn uns wurde der Spaß beim Anblick der hochroten Köpfe genommen, die ein „Tschuldigung“ herauspressend die restlichen Teilnehmer des Meetings in Missbilligung vereinen. Schlimmer noch; der ganze Scham scheint verschwunden. Denn wenn jemand fünf Minuten nach der Kaffeepause mit dringender Miene aus dem Konferenzraum eilt, ist es in seltensten Fällen der Harndruck, der nach dem Ortswechsel verlangt. Ja, manche fühlen sich mittlerweile selbst für diesen zu wichtig und telefonieren ungerührt während des Meetings… Und mit SMS und Email beschäftigt sich heute ohnehin (fast) jeder, (fast) immer, (fast) überall!
Ach wenn doch nur auch nur annähernd so viel mehr geschähe, wie heute mehr kommuniziert wird. Schlimmer: Ich beobachte eher das Gegenteil. Abmachungen zum Beispiel scheinen fast grundsätzlich vorläufig, man kann ja immer noch… und sich dann zusammenrufen… leider ist gerade… um was ging es eigentlich? Der Qualität der Arbeit dient all das nicht. Und insbesondere für Innovationsarbeit ist Dauergeplappere und -gemaile fatal. Warum?
- Für die Entwicklung von Visionen, komplexen Zukunftsvorstellungen als Richtungsgeber für Innovationen, sind Phantasie, geistige Freiräume und die Fähigkeit für ein komplexes Vorstellungsvermögen wichtig. In weiteren Innovationsphasen erfordert die Generierung erfolgreicher Konzepte und Systemlösungen die Fähigkeit zu komplexer Problemlösung und kreativer Konzeptfindung; jeweils auf der Basis eines systemischen Verständnisses der Herausforderungen. Doch viele dieser Kompetenzen verkümmern oder werden durch die Kommunikations-Dauerbeanspruchung aus dem persönlichen Budget von Zeit und Geist getilgt.
- Innovation bedeutet und erfordert Initiative und Durchhaltevermögen bis zum letztendlichen (Produkt-)ergebnis. Hierzu ist geistige und körperliche Energie nötig; Widerstände müssen ausgehalten, Aktivitäten initiativ weiter gedacht und gemacht werden. Für all das bleibt in der Dauerkommunikation oft weder Zeit noch Energie übrig.
- Viele Innovationen entstehen durch Synergien, die wiederum eine hohe informelle Qualität und Vertrauenswürdigkeit der Beziehungen und eine positive Chemie zwischen den Partnern voraussetzen. Diese Qualitäten sind nun vielleicht proportional zur Qualität der Kommunikation, sicher aber nicht zur deren Quantität. Insbesondere die ansteigende Beliebigkeit ist für Vertrauensbildung und positive Chemie kontraproduktiv.
- Das „Treffen“ der Bedürfnisse und Interessen der späteren Nutzer einer Innovation stellt an die Innovatoren Anforderungen an Empathie, Einfühlungsvermögen und an die Wahrnehmungsfähigkeit von Gefühlen, Interessen, Dispositionen und Lebensbedingungen. Doch die komplexe Sinnlichkeit wird zusehends reduziert: Drei Spiegelstriche im Powerpoint, zwei kurz geschossene Digitalfotos, 112 Zeichen im Twitter, die kurze SMS „Bin angekommen. Sonne scheint!“
Suggestions:
Im Sinne der Förderung effektiver Innovationsarbeit möchte ich aus dieser Diskussion folgende Vorschläge ableiten:
- Innovatoren und Innovationsförderer sollten sich klarmachen, dass Innovationarbeit anders abläuft und andere Anforderungen stellt als viele „normale“ Projektarbeit (das ist fast schon ein Kotau gegenüber dem Status Quo: Sicherlich stört Dauerkommunikation auch bei anderer Arbeit, aber das soll hier nicht Thema sein…). Und sie sollten diese Andersartigkeit der Arbeit auch zulassen und sich den neuen Anforderungen entsprechend orientieren.
- Innovationsarbeit sollte sich dauerhaft reflexiv an der Wirkung des Tuns – und als Voraussetzung hierzu an der Qualität der Kooperation orientieren. Dabei können viele Tätigkeiten nicht schablonenhaft vorgegeben werden, sondern verlangen nach Kontemplation und dichtem Diskurs (ich werde sicherlich in einem anderen Blog schreiben, was ich genau damit meine…).
- Damit die oben genannten Probleme kompensiert werden, sollten Innovatoren Zeit einplanen für Arbeitsphasen ohne alle Gadgets. Kein Laptop, kein Handy, kein Fotoapparat; noch nicht einmal eine Armbanduhr. Viele wurden dabei schon überrascht, was Geist, Körper und das soziale Leben sonst noch bieten… für Innovatoren sind solche Erfahrungen erfolgsentscheidend.
- Bei wichtigen Workshops und Diskursen sollte von den Teilnehmern die komplette Anwesenheit von Körper und Geist gefordert werden. Noch vor wenigen Jahren war das eine Selbstverständlichkeit; heute lässt es sich kaum noch fordern und sicher nicht immer realisieren. Doch manchmal müssen Moderatoren auf Anwesenheit und „Handy aus“ bestehen, um Workshopziele wie die Vermehrung von Wissen und Kompetenz, die zielgerichtete Ideenproduktion und die „Mitnahme“ und Immersion der Teilnehmer zu erreichen.
Questions:
- Bei Innovationsarbeit führt ein Weniger und Langsamer, dafür aber Intensiver, in aller Regel zu wertvolleren Ergebnissen. Wie kann man diese Tatsache gegen den heutigen Hektik-Mainstream wirkungsvoll kommunizieren?
- Wie können Elemente eines sozio-technischen Systems zur Unterstützung von Innovationsarbeit aussehen, die effektiv und wirkungsvoll sind?

