Challenge:
Freude macht das Leben lebenswert. Freude hilft gegen das Krankwerden. Freude macht uns teilweise sogar gesund. Doch angesichts der vielen Freude, die Freude macht, ist es verwunderlich, dass dieses tolle Elixier in kaum einem Projekt zur Gesundheitsförderung thematisiert wird. Ich meine, es ist höchste Zeit, dass sich das ändert…
Storyline:
Klaus Wowereit ist immer für ein Bonmot gut! „Bier für die Nieren, Cognac für den Magen, Sekt für den Geist – hier kann man gesund leben.“ kommentierte er seinen Rundgang auf der Grünen Woche in Berlin.
Der Fachmann staunt und der Laie amüsiert sich. Und es ist zu befürchten, dass manche Gesundheitsexperten Alarm schlagen: Wie kann man nur Alkohol und Gesundheit in einen direkten Zusammenhang stellen? Gesundheit ist schließlich eine ernste Angelegenheit: Wie viele Unfalltote, Leberkranke und Alkoholabhängige verdanken ihr Schicksal dem Rauschmittel Nr. 1 in dieser Welt?
Aber nun mal im Ernst: Wollen wir denn Entscheidungen oder gar die Innovationsförderung für unsere Gesunderhaltung nur solchen Spaßbremsen überlassen? Ich meine, nein! Gesundheit ist schließlich viel mehr als die Summe aus Schwimmen plus Müsli minus Alkohol. Gesundheit ist erst recht NICHT die Abwesenheit von Krankheit und die Regelung von körperbezogenen Messwerten innerhalb eines „erlaubten“ Bereichs. In diesem Zusammenhang muss ich an Aldous Huxley denken, der schon vor vielen Jahrzehnten darauf hinwies, dass „die Medizin mittlerweile so viele Fortschritte gemacht hat, dass es heute kaum noch eine gesunden Menschen auf dieser Welt gibt.“ Ja, natürlich kann man heute bei fast Jedem zumindest Dispositionen für Krankheiten finden und etwas dagegen tun. Aber selbst wenn wir dies alles bezahlen könnten – sind wir dann gesund?
Immer noch finde ich die Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO genial, die Gesundheit als „Zustand körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“ beschreibt. Und eher im physischen Bereich behauptete Nietzsche sinngemäß: „Gesundheit ist, wenn ich mit meinem Körper das tun kann, was ich tun will.“ Sicherlich ist es für all dies nützlich, wenn der Körper aus schulmedizinischer Perspektive „in Schuss“ ist. Doch noch einmal: Sind wir dann gesund? Und vor allem: Wie sorgen wir am besten dafür, dass wir gesund sind und bleiben?
Klar ist: Körperliche Gesundheit ist stark von psychischen und sozialen Faktoren abhängig, und diese Abhängigkeit ist jeweils wechselseitig. Doch wir tun viel zu wenig mit diesem Wissen, angesichts der Ärzte- und Pharmalobby. Dabei ist diese Konzentration auf Messen, Pillen und Operationen in seiner Ausschließlichkeit nicht nur ungesund, es verhärtet auch ein Denken und ein System, das wir uns schon sehr bald nicht mehr leisten können werden. Mein Plädoyer läuft also darauf hinaus, dass wir ergänzend zu den aktuellen Wegen der Gesundheitsförderung auch innovative Lösungen entwickeln oder auch nur vorhandene nutzen sollten, die unsere körperliche, seelische und soziale Gesundheit gleichermaßen fördern.
Suggestions:
Als DAS Paradebeispiel will ich dies an dem Innovationsfeld „Gesundheit durch Freude“ illustrieren. Die folgenden Vorschläge beziehen sich, um einem Missverständnis gleich vorzubeugen, nur in zweiter Linie darauf, wie man Gesundheit durch Freude erreicht und warum dies überhaupt so effektiv ist. In erster Linie geht es darum, was diese Zielsetzung für Innovatoren bedeuten kann.
- Freude sollte in der Realisierung vieler Innovationen als Kernfunktion gesehen werden. Dies ist schon im Automobilbau erfolgreich, wie BMW vorexerziert – auch wenn dies (noch…) reichlich wenig mit Gesundheitsförderung zu tun hat. Aber auch Fitness- und Rehabilitationsgeräte wären sehr viel erfolgreicher und würden in größerer Breite Akzeptanz und Wirkung erzielen, wenn sie unter der Perspektive der Nutzungsfreude entwickelt würden. Dies gilt sogar für politische Innovationen: Schon die Gründungsväter der Vereinigten Staaten hatten wohl die soziale Gesundheit im Kopf, als sie „Pursuit of Happiness“ in der amerikanischen Verfassung verankerten. Wie traurig, dass hieraus mittlerweile ein „Pursuit of Greediness“ geworden ist – das für die meisten Bevölkerungsschichten genau das Gegenteil von Gesundheitsförderung bedeutet.
- Freude zur Gesundheitsförderung kann ein wesentlicher Impulsgeber für Dienstleistungsinnovationen sein. Beispiele hierfür sind die bereits jetzt wie Pilze aus dem Boden schießenden Wellness- und Massagetempel, Yogakurse und Ayurvedische Zentren. Weitergedacht und weitergemacht werden könnte hier durch Innovationen zu Leitideen wie „Ubiquitous Massage“ oder „Call a Cook“, die völlig neue Möglichkeiten zur Schaffung von Arbeitsplätzen in Verbindung mit Freude und Gesundheitsförderung eröffnen.
- Freude ist ein enger Verwandter des Humors – der nicht nur Spaß macht, sondern auch, und das ist kein Scherz, extrem nützlich ist. Nicht nur ist Lachen eine der besten Aktivitäten zur Gesundheitsförderung überhaupt, sondern durch Humor lassen sich auch neue Innovationsperspektiven erzeugen, Barrieren elegant aufbrechen und Synergien erzeugen. In Anbetracht dieser Vorteile geschieht aktuell geradezu lächerlich wenig, um mehr Humor im täglichen Leben von Innovatoren zu erlauben, zu ermöglichen oder gar zu verankern. Es steht daher zu befürchten, dass weitere Blogs zu diesem Themenkomplex folgen werden J
Questions:
Bei aller Freude zur Freude gibt es für den Erfolg dieses Ansatzes auch Fragen, die beantwortet werden müssen. Hierzu gehören unter anderem:
- Wie ermöglicht man „Freude für Alle“? Ich habe immer noch die für mich sehr erschreckende Aussage eines Hartz IV Empfängers im Ohr, der sagte, er käme ganz gut mit der Kohle zurecht; er könne nur nichts mehr machen, was ihm Freude macht. Es wäre also sozial wenig nachhaltig, und noch dazu für mich kaum erträglich, wenn sich an Angeboten wie Massage, Lachboxen usw. wieder nur wenige erfreuen könnten, weil sich die Masse der Bevölkerung diese schlicht nicht leisten kann.
- Wie geht man damit um, dass für manche „Irgendwas durch Freude“ immer noch als nazifizierter Schweinkram gesehen wird, und man diese Begriffsbildungen dementsprechend tunlichst zu unterlassen hat?

