Prof. Dr. Eckehard Fozzy Moritz
Challenge:
Oft scheinen sich Forderungen nach sozialer, ökologischer und ökonomischer Nachhaltigkeit in ihrer Konsequenz zu widersprechen – mit der Folge, dass sich Interessensgruppen wechselseitig lähmen und damit nachhaltigem Handeln im Weg stehen. In vielen Fällen bieten jedoch Innovationen intelligente Möglichkeiten, diese Gegensätze produktiv aufzulösen.
Storyline:
Der Kasbeg erhebt sich majestätisch auf über 5000 Meter, genau an der Grenze zwischen Georgien und Russland im großen Kaukasus. Von der Kleinstadt Kasbegi aus ist der Blick wahrhaft pittoresque – vor allem, da fast genau unter dem überdimensionalen Felsendom, auf einem Hügel von 400 Meter (relativer) Höhe, eine malerische Kirche den Blick magisch anzieht. Die spirituelle Stätte der Georgier ist wunderschön gelegen – gleichzeitig aber nicht unbedingt einfach zu erreichen.
Die Russen handelten in der Zeit des Sowjetregimes pragmatisch und bauten eine Seilbahn zur Zminda Sameba. Kaum fiel das Riesenreich auseinander, fiel auch die Seilbahn: Der Blick sollte nicht durch ein solches Monstrum verschandelt, die heilige Stätte nicht entweiht werden. Man könnte diesen Rückbau auch als Akt zur Wiederherstellung ökologischer und kultureller Nachhaltigkeit bezeichnen.
Ja, wenn das so einfach wäre. Sicher ist es ein tolles Gefühl, nach einem etwas über einstündigen Anstieg durch lichte Wälder die Kirche zu erreichen. Doch darf man den Zugang zu einem solchen Ort auf die Menschen limitieren, die das aus eigener Muskelkraft schaffen? Dies wäre sicher nicht im Sinne sozialer und kultureller Nachhaltigkeit.
Nun ja, in der Praxis fand sich schnell eine alternative Lösung: Über eine Schotterstraße konnten Autos und Lada-Taxis einfach den Hügel erklimmen. Doch mit dem romantischen Anstieg war es damit genauso vorbei wie mit ökologischer Nachhaltigkeit: In ständiger Vorsicht und weitgehend eingehüllt in Staub- und Abgaswolken wird dieser Weg für Fußgänger sehr unattraktiv (und ich habe mich auf die glitschige Direttissima begeben). Man könnte die Taxis wieder verbieten. Doch neben der schon angesprochenen Selektion im Zugang zu der Kirche würden so auch einige der wenigen Einkommensquellen für die teilweise noch (oder wieder) sehr arme Bevölkerung versiegen. Diese Lösung wäre also zwar ökologisch, aber weder sozial noch ökonomisch nachhaltig. Eine lose-lose Situation?
Suggestions:
Eins ist offensichtlich: Eine langfristig erfolgreiche Nachhaltigkeitsorientierung muss auf einer gleichzeitigen Berücksichtigung ökologischer, sozialer, kultureller und ökonomischer Interessen aufbauen. Dies kann als Durchsetzen in einem Machtkampf oder als schaler Kompromiss gestaltet werden – meist ist die Lösung dann jedoch weder Fisch noch Fleisch. Innovatoren können und sollten daher jenseits dieser unbefriedigenden Varianten nach neuen Lösungen suchen, um die Erfüllung all dieser Interessen intelligent zu verbinden.
Was könnte zum Beispiel in Kasbegi geschehen?
- Mit elektrobetriebenen Rikschas könnten lärm- und abgasfrei und sogar weitgehend ohne Stauberzeugung Gläubige und/oder Touristen zur Zminda Sameba kutschiert werden.
- Sportlich ambitionierten Touristen (in dieser Bergregion eher die Regel als die Ausnahme) könnte kostenfrei ein Fahrrad mit Mitfahrersitz zur Verfügung gestellt werden – wenn sie eine Person mit auf den Hügel und später wieder hinab chauffieren.
- Eine Seilbahn könnte naturnah und aus weitgehend durchsichtigen Materialien konstruiert und von einer lokalen Genossenschaft betrieben werden.
Dies sind nur einige Beispiele – aber sie zeigen den Weg: Gerade in der Auflösung von (scheinbaren) Widersprüchen zeigen sich die Gestaltungskraft und Schönheit und vor allem der Nutzwert von Innovationen am besten!
Question:
Interessens- oder ideologiegeleitete Diskussionen sind heute eher vom Nein und vom Dagegen geprägt. Dies zerstört jedoch das produktive und innovative Klima – das auf der anderen Seite Voraussetzung ist für die Entwicklung und Realisierung innovativer Lösungen, die die Berücksichtigung der verschiedenen Interessen intelligent verbinden helfen würde. Daraus ergeben sich folgende Fragen:
- Wie lässt sich dieser scheinbare Widerspruch auflösen?
- Wie lassen sich gerade für die Realisierung auch in ideeller Hinsicht sinnvoller Innovationen das Neue unterstützende Rahmenbedingungen schaffen?

