Challenge:
„Wie dürfen wir uns das genau vorstellen…?“ Eigentlich hasse ich diese Frage: Wie soll ein Innovator etwas genau schildern, dass sich erst als unscharfe Vision in seinem Hirn zu entwickeln beginnt? Und doch: Konkrete Vorstellungen und Bilder können vermutlich viel besser zu Handlung anregen als wolkige Monologe. In diesem Blog thematisiere ich daher Sinn und Unsinn von „Weissagungen“ – und gebe einige Beispiel zur Stadtmobilität der Zukunft.
Storyline:
„Die Zukunft ist weit offen. Sie hängt von uns ab; von uns allen. Sie hängt davon ab, was wir und viele andere Menschen tun und tun werden; heute und morgen und übermorgen.“ Karl Poppers Gedanken sind aktueller und vor allem wichtiger denn je. Denn die Zukunft ist weder vorbestimmt noch findet sie zufällig irgendwie statt. Wir alle gestalten Zukunft – oder lassen durch Nichtstun zu, dass Andere sie gestalten. „Andere“, das sind derzeit leider vor allem die Zocker und Magnaten, die durch die Globalisierung immer größere Hebel haben, die Zukunft in ihrem eigenen, oft überaus egoistischen Sinne zu gestalten. Doch es ist unser aller Zukunft, daher sollten wir ALLE sie so zu gestalten versuchen, wie wir sie gerne hätten.
„Wie hätten Sie´s denn gern?“ Diese Frage wird heute in erster Linie beim Frisör und im Rotlichtmilieu gestellt und beantwortet. In den Medien, insbesondere in den Myriaden von Talkshows kommt diese Frage erschreckend wenig vor (ja, leider, Frau Illner, Frau Will, Herr Plasberg…). Bei allen vorgeblichen Zwängen und Problemen der Gegenwart vergessen wir die Zukunft. Doch das ist die Zeit, in der wir leben werden. Die Vergangenheit ist vorbei!
Natürlich ist es nicht trivial, Diskurse über eine gewünschte Zukunft so zu führen, dass die Ergebnisse im Sinne der Zukunftsgestaltung nützlich, das heißt, plausibel, machbar und wünschenswert zugleich sind. Das, was die Menschen zur Gestaltung der Zukunft wissen, „ist nichts im Vergleich zu dem, was wir alles wissen müssten, um die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ So entsteht ein komplexes Milieu des Zögerns und Zauderns, in dem sich jedoch bestimmte Exemplare von Esoterikern, Machtpolitikern, Wissenschaftlern und Scharlatanen überaus wohl fühlen und prächtig entwickeln können:
- Esoteriker suchen ihren Teil der Welt aus und verbreiten oder leben die Überzeugung, dass die ganze Welt besser wäre, wenn nur vegane Ernährung Pflicht würde, oder Kupferarmbänder getragen, oder Tai Chi Pflichtbestandteil des Schulunterrichts würde.
- Machtpolitiker machen Angst vor der Zukunft – und damit ihre Gefolgschaft für Entscheidungen im Sinne ihres Machterhaltes gefügig. Ein alter Trick, der schon in der katholischen Kirche sehr gut funktioniert hat.
- Wissenschaftler machen Zukunft zu einem Gegenstand der Forschung – bei dem jedoch die meisten ihrer klassischen Methoden versagen. Quantifizierungen und Operationalisierungen helfen vielleicht bei kurzfristigen Voraussagen in klar umgrenzten Feldern, nicht aber bei der weiteren Vorausschau in komplexen Zukunftsthemen, erst recht nicht bei der wunsch- und werteorientierten Gestaltung unserer Zukunft. Was für die Zukunft bleibt, sind oft wenig mehr als Banalitäten.
- Scharlatane sind kreativ bei der Definition von Zukunftsperspektiven, deren Verbreitung ihrem eigenen Gewinn oder sonstigen Vorteil nutzt. Die Zinsen werden steigen, Öllecks im Meer verschwinden, die Aliens werden kommen und die Welt wird untergehen…
Doch was tun? Schon Sokrates hatte eine Lösung parat: Die Staatslenker, für ihn die wesentlichen Akteure der Zukunftsgestaltung, müssten die „weisesten“ des Volkes sein. Ja, aber wo sind sie denn, die Weisen? Die Politiker von heute sind es sicher überwiegend nicht, zumindest haben sie zu wenig Rückrat oder kommen als Weise in dem Haifischbecken Parteienapparat erst gar nicht über den Kreisbeirat hinaus. Die Wirtschaftsweisen wissen wohl, was der Wirtschaft gut tut – aber die Wirtschaft ist ja zum Wohle der Gesellschaft da und nicht, wie dort normalerweise unterstellt, umgekehrt. Tatsächlich scheint die ganze Idee von Weisheit eher in Vergessenheit zu geraten – Weisheit als Verbindung von tiefer Einsicht, ganzheitlichem Ansatz und ethisch-moralischem Anspruch. Doch nur durch Nutzung all dieser Qualitäten, also durch Weisheit, lässt sich Zukunft so gestalten, dass sie in unser aller Sinne wünschenswert ist.
Doch wie kann Weisheit Zukunft prägen? Ich schlage hierzu vor, das Konzept der Weissagungen wieder aus der Versenkung hervorzuholen. Ich verstehe diese als Vorhersagungen, die einen ganzheitlichen und ethisch-moralischen Anspruch haben, das Wahrscheinliche mit dem Wünschenswerten kombinieren und eine Orientierung und Handlungsmotivation dergestalt bieten, dass durch das entsprechende Tun Aller das Wünschenswerte auch wahrscheinlich wird.
Puh, schwäääre Kost. Die Mayas konnten das einfacher formulieren: „Unsere Weissagungen sind niemals dazu da, dass sie eintreten, sondern sie sind ein Wegweiser zur Veränderung“ Na also, geht doch… Im Folgenden will ich daher alle meine Weisheit und Visionskraft zusammennehmen, um zehn Weissagungen als exemplarische Wegweiser für Veränderung, Innovation, in der Stadtmobilität der Zukunft zu formulieren. Wie gerade geschrieben, möchte ich dadurch das Wahrscheinliche mit dem Wünschenswerten so kombinieren, und gleichzeitig zum Tun Aller dergestalt anregen, dass eben das Wünschenswerte wahrscheinlich wird. Kurz: Lasst uns gemeinsam die Voraussetzungen für eine für Alle attraktive Stadtmobilität schaffen!
Exemplifications:
2013, New York: „CYCLING 192“
Zum ersten Mal hat die UN im Rahmen einer internationalen Sondersitzung das Thema „nachhaltige Stadtmobilität und die Rolle des Fahrrads“ auf die Agenda genommen. Ziel ist, politische Maßnahmen zu diskutieren, um die Rolle des Fahrrads und seine Bedeutung für nachhaltige Entwicklung zu stärken. Auch wenn inhaltlich kaum Ergebnisse erzielt wurden, waren doch Vertreter von 189 Mitgliedsstaaten anwesend: Eine Fortsetzung ist geplant.
2014, Frankfurt am Main: „Des nächste Mal will ich e Schutzblech…“
In Frankfurt wurde das Pilotprojekt „Bike to Fly“ erfolgreich abgeschlossen. Insbesondere Geschäftsreisende mit Tagesterminen können nun sicher über zentrale Fahrradrouten oder durch den Grüngürtel zum Flughafen fahren und ihr Fahrrad dort umsonst parken. Entlang der ausgewiesenen Strecken sind Hinweisschilder für Pannenservice und Rufstationen für Taxis installiert. Besucher Frankfurts finden im Ankunftsbereich ebenfalls einen Leihservice.
2015, Pune: „Out of the box!“
Die ersten Ideen entstanden vermutlich in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Aber richtig erfolgreich wurde das Tata Cargo-Bike erst durch die rundum ausgeklügelte Transport“schachtel“ und die perfekte Integration der Bosch-Elektroantriebe. Stolz präsentiert CEO Ratan Tata das neue Konzept „Tata Green Logistics“ in dem malerischen Pune: Die Bikes, die Charging Stations in den Firmen, die Umladestationen an den Bahnhöfen und die neuen Services funktionieren zumindest beim Pressetermin perfekt.
2016, Rio de Janeiro: „We drive the World!“
Kurz vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele waren sie plötzlich überall an der Copa Cabana zu sehen: Kleinste elektrobetriebene Vehikel mit Leitsystemen, Schwarmintelligenz und TouchDrive, die eine Person sicher und klimageschützt durch die Stadt transportieren – und das zu Nutzungskosten von umgerechnet nur einem EUR pro Kilometer. Google hätte sich kaum einen besseren Ort und Zeitpunkt zur Einführung ihres ersten Serienfahrzeuges aussuchen können.
2017, Heppenheim: „Ich hätt nie gedacht, dass des so beschleunigt…“
Sebastian Vettel feiert den Gewinn seiner 5. Formel 1 Weltmeisterschaft. Das Besondere: In diesem Jahr waren nur noch elektrogetriebene Boliden erlaubt; sogar der Strom muss aus erneuerbaren Energien erzeugt weden. Sein Vattenfall-Rennstall hatte ein aerodynamisches Meisterwerk an den Start gebracht, angetrieben von einem bärenstarken Motor von Samsung. E-Rennstrecken in Stadtnähe werden jetzt auch in Deutschland immer beliebter.
2018, Mexico City: „Mas seguridad, menos smog“
Sie fingen plötzlich und ohne Vorwarnung an: Die doppelspurigen Seitenarme der Reforma, der Prachtstraße Mexicos, wurden im Auftrag der Stadtverwaltung von hunderten Straßenarbeitern grün gefärbt, mit verschieden designten Fahrradlogos in Rot und Weiß auf der Fahrbahndecke. Die Markierungen gehen über die Kreuzungen hinweg und sichern dem Radverkehr Aufmerksamkeit während der langen Grünphasen. Ab dem 1. Juli dürfen dann ausschließlich nicht motorisierte Fahrzeuge und E-Bikes auf diesen Spuren fahren.
2020, Tokyo: „Hashinashi“
„Kein Fuß“ – unter diesem Motto wird derzeit ein neues Rollbandsystem für Fußgänger im Stadtteil Shibuya vorgestellt. Durch innovativen Leichtbau konnte das Gewicht im Vergleich zu traditionellen Rollbändern um fast 90 Prozent gesenkt werden. Die Bahnen sind breit, vermitteln durch mitlaufende Haltebänder ein sicheres Gefühl und man kann auf den seitlichen Projektionsflächen sogar Zeitung lesen. „Wir wollten auch Älteren wieder einen einfachen Gang in die Stadt ermöglichen“, so die Bürgermeisterin in einem Interview.
2021, Stockholm: „U MOVE“
„Oslo hätte darauf kommen sollen“ schrieb der norwegische Journalist im Aftenposten. Aber in Stockholm wurde eine uralte Idee als neue Dienstleistung zum Erfolg: Bürger mit Bewegungseinschränkungen können über ein Portal eine Begleitperson anfordern, die mit ihnen spazieren geht, Rad fährt oder auch mal Einkäufe erledigen hilft, meist umsonst oder für eine Tasse Kakao unterwegs. „Das ist wie Gassi gehen…“ berichtet eine deutsche Austauschstudentin, die drei Monate als Freiwillige an dem Programm mitwirkte.
2026, Tiflis: „Zuerst hatte ich ja schon Schiss, so in der Luft…“
Gestern wurde in der georgischen Hauptstadt ein neues Hybridkonzept für öffentlichen und privaten Verkehr eingeweiht. An den armdicken Stahlkabeln über dem Mtkwari hängen nicht nur unzählige Kabinen, in die bis zu sechs Personen einsteigen können, sondern an so genannten Koppelstellen kann man auch seine eigenen Gefährte einhängen. „Die Idee hierzu bekam ich auf einer Wasserskianlage“, sagte der georgische Erfinder. Verschiedene Städte planen bereits ähnliche Systeme, darunter Penang und Kapstadt.
2042, Dubai: „Und ihr habt das damals verkauft, damit es verbrannt wird?“
Führende Vertreter der Arabischen Liga treffen sich zum dritten Krisengipfel im Burj Khalifa, dem vierthöchsten Gebäude der Welt. Da fast kein Öl mehr zu fördern ist, werden seit zwei Jahrzehnten in Kooperation mit chinesischen Firmen E-Blobs mit extremer Energiedichte entwickelt: 1.000 Stunden Sonnenschein in der Größe einer Streichholzschachtel. Man beschließt, viel zu spät, auch die Entwicklung eines eigenen Stadtvehikels, das mit diesen Blobs betrieben wird. Denn in Shanghai fahren diese schon längst…
Questions:
- Welche Weissagungen kann die Leserin noch beisteuern? Und was haltet ihr von diesem Ansatz überhaupt?
- Wie beim Konzept der Holistischen Innovation, werden sicher auch bei „Weissagungen“ manche Kommentare die esoterische Anmutung des Begriffs monieren. Wie kann man mit diesem Argument umgehen? Oder gibt es einen besseren Begriff?

